2019-06-16

Mehrsprachigkeit zahlt sich aus

Jede Fremdsprache bereichert in vielerlei Hinsicht

„Mehrsprachigkeit zahlt sich aus!“

 

Zur Eröffnung der Konferenz des Staatlichen Pädagogischen Instituts „Mehrsprachigkeit in der Slowakei. Herausforderungen und Perspektiven.“ im Mai dieses Jahres hielt Chargé d’affaires (a.i.) Peter Primus als deutscher Vertreter das folgende Grußwort:  

Koľko rečí vieš, toľkokrát si človekom“ - „So viele Sprachen du sprichst, so viele Male bist du Mensch“. - Dieses wunderbare slowakische Sprichwort könnte als Leitmotiv über dieser Konferenz stehen. Es dürfte zugleich in jedem Bildungsprogramm, das sich den europäischen Werten von Aufklärung und Humanismus verpflichtet fühlt, eines der fundamentalen Prinzipien beschreiben. Die Kenntnis einer jeden zusätzlichen Sprache steigert unser Vermögen, die Welt zu verstehen, die Welt zu erleben, die Welt zu gestalten. Die Öffnung für das Fremde, sie eröffnet neue Möglichkeiten: Wissen ist Macht.

 

Es ist sicher kein Zufall, dass dieses Sprichwort in der Slowakei entstanden ist, denn hier hat Mehrsprachigkeit Tradition, und ist noch heute vielerorts selbstverständlich – denken sie an das dreisprachige Preßburg, in dem Slowakisch, Ungarisch und Deutsch nebeneinander gesprochen wurden. Im Jahr 2011 beherrschte jeder zweite Slowake zwei Fremdsprachen oder mehr. Das war Europarekord! Auch daher hat es die Slowakei wie wenige andere Länder verstanden, internationale Investoren ins Land zu holen: Einheimische Fachkräfte mit ihren Fach- und Sprachkenntnissen garantieren Wachstum und Wohlstand in der Slowakei. Dieses solide Fundament verdient es, erhalten zu werden!

 

Der British Council hat kürzlich eine überaus interessante Studie veröffentlicht. Aus dieser geht hervor: Die Wirtschaftsleistung Großbritanniens könnte um 3,5 % höher sein, wenn Kenntnisse von Fremdsprachen weiter verbreitet wären. 3,5 % der Wirtschaftsleistung gehen verloren, weil die Kommunikation mit Mitarbeitern, Kunden oder Zulieferern nicht auch in deren Muttersprache erfolgen kann. - Das ist der Befund in einem Land, dessen Sprache unbestritten die meist genutzte Verkehrssprache in der Welt ist! Zugleich hat der British Council die meistbenötigten Sprachen im Vereinigten Königreich „post Brexit“ ermittelt: Es sind die Sprachen aufstrebender Weltregionen, und es sind die Sprachen der Freunde und Partner in der europäischen Nachbarschaft: Französisch, Mandarin, Arabisch, Spanisch und Deutsch. Warum berichte ich das? - Diese Studien aus Großbritannien zeigen klar: Die Kenntnis weiterer Fremdsprachen neben dem Englischen führt zu messbaren wirtschaftlichen Gewinnen. Mehrsprachigkeit zahlt sich aus!

 

Das gilt umso mehr unter den Bedingungen einer globalisierten Welt und erst recht auf dem europäischen Binnenmarkt. Deswegen haben wir uns in der EU auf die Barcelona-Ziele verständigt: Jeder Europäer soll neben seiner Muttersprache zwei weitere Sprachen erlernen und anwenden können.

 

Auch in der Slowakei erwarten Arbeitgeber von ihren Mitarbeitern Mehrsprachigkeit: Ausländische Investoren in der Slowakei ebenso wie slowakische Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen ins Ausland.

  • Dell zum Beispiel, eine amerikanische IT-Firma mit einem Service-Center in der Slowakei, sucht händeringend Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen – um von hier aus den deutschsprachigen Markt zu bedienen. Ähnliches gilt für Henkel.
  • Bei VW Slovakia oder T-Systems können Bewerber mit Deutschkenntnissen besser Karriere machen – hier, in ihrer Heimat.
  • Ähnliche Beispiele lassen sich auch für andere Sprachen finden – Wir werden dazu bei der anschließenden Podiumsdiskussion sicherlich noch mehr hören.

 

Derzeit gilt: Fachkräfte sind in der Slowakei Mangelware, Fachkräfte mit den passenden Fremdsprachenkenntnissen erst recht. Unternehmen, die es sich leisten können, bieten daher ihren Mitarbeitern Sprachausbildung an. Oder die Bewerber selbst müssen Zeit und Geld in ihre Sprachenkenntnisse investieren. Wer das nicht schafft, hat das Nachsehen.

 

Der Bedarf an und der Nutzen von Mehrsprachigkeit sind unabweislich. Aus diesem Grunde begrüßen wir sehr, dass heute diese Konferenz zur Mehrsprachigkeit hier in der Slowakei stattfindet – und haben sie sehr gern unterstützt. Die Entscheidung der Bildungsministerin, Schulen die Möglichkeit einzuräumen, neben Englisch auch andere Sprachen wieder als 1. Fremdsprache anbieten zu können, halten wir für einen richtigen ersten Schritt. Dies haben wir – gemeinsam mit weiteren Botschaften, Wirtschaftskammern und Kulturinstituten – bereits im Dezember vergangenen Jahres in einer gemeinsamen Erklärung kundgetan. Neben Englisch stehen nun auch wieder Deutsch, Russisch, Französisch, Spanisch und Italienisch zur Auswahl – Sprachen, deren Schülerzahlen in den letzten Jahren zurückgegangen sind, weil sie nicht mehr als erste Fremdsprache gewählt werden konnten. An der in den letzten Jahren aufgebauten starken Stellung des Englischen wird das nichts ändern. Wichtig ist aber, dass auch der bestehende Bedarf des Unterrichts in anderen Fremdsprachen angemessen gedeckt wird.

 

Zugleich wünschen wir uns von der Konferenz auch einen Impuls für das Nachdenken darüber, ob nicht die Stellung der zweiten Fremdsprache gestärkt werden kann. Studien zeigen: Der Umgang mit verschiedenen Sprachen hat einen wechselseitig positiven Effekt auf alle Sprachen - auch die Muttersprache profitiert vom Erlernen einer zweiten oder dritten Sprache. Fremdsprachen fördern zudem die kognitiven Begabungen von Kindern, neben den linguistischen insbesondere auch die mathematischen Fähigkeiten. In Litauen sind sogar drei Fremdsprachen verpflichtend – von den Erfahrungen damit wird sicher später Frau Prof. Bijeikiene berichten.

 

Die Bundesregierung unterstützt den Deutschunterricht in der Slowakei auf vielfältige Weise: Mit dem Goethe-Institut, das die Nachfrage nach Sprachkursen kaum bewältigen kann, oder mit dem Netzwerk deutscher Partnerschulen „PaschNet“, von denen es in der Slowakei derzeit – noch! – knapp 40 gibt.

 

Für eine Fortsetzung dieser Unterstützung sind wir angewiesen auf ein bildungspolitisches Umfeld, das weiterhin eine Basis für dieses Engagement bietet. Sprich: Ein Umfeld, das allen Schülern, die das wünschen, wieder die Gelegenheit gibt, eine weitere Fremdsprache neben dem Englischen zu erlernen, und das zu einem möglichst frühen Zeitpunkt.

 

 

Bild von Gerhard Altmann pixabay