2019-09-04

Slowakisches Nationaltheater vor 100. Saison

Turbulente Gründungszeiten

 

 

Das jüngste europäische Nationaltheater beginnt nach den Theaterferien im September seine hundertste Saison. Der Weg zur slowakischen nationalen Theaterszene war in den dynamischen Zeiten nach dem ersten Weltkrieg im jungen tschechoslowakischen Staat und im damals noch multinationalen Bratislava sehr turbulent. Trotz Schwierigkeiten etablierte sich im Laufe der Zeit das Slowakische Nationaltheater als die wichtigste slowakische Szene mit drei stabilen Ensembles.

 

Die Idee, das slowakische Nationaltheater zu gründen, ist nach der Entstehung der Tschechoslowakischen Republik 1918 bei der Feier der Grundsteinlegung des Tschechischen Nationaltheaters entstanden und fand in der jungen Republik Unterstützung. Ein passendes Haus war vorhanden. Das historische Theatergebäude, das wir in der gegenwärtigen Form aus 1886 kennen, diente bereits seit 1776 als Stadttheater. Das Architektentandem Fellner und Helmer bewährte sich bereits beim Bau mehrerer europäischer Theaterhäusern in Budapest, Sofia, Brünn, Karlsbad, Zürich oder Berlin (Theater unter den Linden).

Im damals multinationalen Bratislava wurden traditionell Stücke deutscher, ungarischer und später auch tschechischer Ensembles aufgeführt. Dementsprechend wurden auch die Saisons in ungarische (Juli – Oktober), tschechoslowakische (November bis Februar) und deutsche (März – Juni) geteilt. In der neuen Republik verlängerte sich die tschechoslowakische Saison bis Mai und nach und nach etablierten sich auch drei slowakischen Ensembles.

 

In den Gründungsjahren leisteten eine Pionierarbeit die tschechischen Theaterleute. Zum Direktor wurde 1920 der auch in Wien wohl bekannte tschechische Dirigent und Komponist Oskar Nedbal. Keinen überrascht, dass die erste Aufführungen am 1. März 1920 der Smetanas Kuss, gefolgt einen Tag später vom tschechischen Schauspielstück „Maryša“ von Gebrüder Mrštíks waren. In den 1920. Jahren wurden dann die ersten slowakischen Künstler engagiert (darunter Schauspieler Janko Borodáč, seine Ehegattin Oľga, Andrej Bagar und Tenorist Janko Blaho) und auf der Bühne erschienen slowakische Stücke. 1926 erlebte die Erstaufführung im Nationaltheater die slowakische Oper Schmiede Wieland von Ján Levoslav Bella und 1928 folgte die Oper Detvan von Viliam Figuš Bystrý.

 

Das Ballettensemble baute Achille Viscusi von der italienischen Ballettschule, den Nedbal engagierte, auf und im Mai 1920 fand bereits die erste Ballettaufführung von Coppéllia statt. Das war das Vorzeichen der regen internationalen Kontakte, die bis heute sehr lebhaft sind.

Oskar Nedbal nutzte seine internationalen Kontakte und das neue Nationaltheater gastierte u.a. in Prag, Barcelona, Madrid, aber auch im Wiener Stadttheater, Volkstheater und Raymund-Theater. Ein Kompliment für die junge slowakische Szene waren in den 1920. und 30. Jahren die Gastspiele der Mailänder La Scala, Pariser Opera Comique, der Auftritt von Fjodor Shaliapin und Ema Destinová und beachtenswert ist auch die Tatsache, dass 1925 Pietro Mascagni seine Oper Cavalleria rusticana und Leoncavallos Pagliacci und 1929 Richard Strauß seine Elektra und Rosenkavalier persönlich in Bratislava dirigierten.

Die politischen Ereignisse 1938 wirkten sich vernichtend auf das das Ensemble aus, die tschechischen Künstler wurden zur Emigration gezwungen. Die Periode 1938 – 1945 war nicht einfach, auf der Szene erschienen trotz allen Kriegsumständen zahlreichen dramatischen Stücke des Weltformats.

 

Bis zum definitiven Einstieg des sozialistischen Realismus im 1948 fanden auf der Nationalszene nebeneinander Platz das traditionelle Theater und die modernen schöpferischen Formen. Zum Thema Krieg und Nationalaufstieg drückten sich künstlerisch auch slowakische Autoren wie Stodola, Králik und Karvaš aus.

In der musikalischen Szene fungierte neben der Oper die leichteren Muse, die in den Künstlerkreisen nicht immer herzlich willkommen wurde, in den 1930. Jahren jedoch für die finanzielle Stabilisierung sorgte. Neben den Operettenklassikern wie Strauß, Lehár und Kálmán etablierten sich nach und nach auch slowakische Autoren, insbesondere Gejza Dusík, Mitgründer der slowakischen Operette und Popmusic.

Ab 1948 wurden im Theater die ideologischen und politischen Einflüsse sichtbar. Sogar die Suchoňs Oper Krútňava wurde inhaltlich umgestaltet und die Operette wurde als bürgerliches Element zurückgewiesen.

Die Ensembles stabilisierten sich nach dem zweiten Weltkrieg auch dank der 1949 gegründeten Hochschule für musische Künste, die bis heute Theater- und Musik-Künstler liefert.

 

Die größte politische Entspannung Ende der 1960. Jahre brachte künstlerische Kontakte mit der westlichen Kultur was sich in der Zusammensetzung des Repertoires sichtbar machte. Nach der nachfolgenden „Normalisierung und Konsolidierung“, die im Theater sozialistischen Realismus durchgesetzt hat, leistete in den 70. und 80. Jahren die Theaterszene eine wichtige Rolle beim Kampf gegen das kommunistische Regime und engagierte sich in der sanften Revolution.

 

Seit 2007 funktioniert das Slowakische Nationaltheater in zwei Häusern. Das neue Gebäude unterbringt in sieben Etagen, über zweitausend Räumen und drei großen Sälen für Oper, Schauspiel und Ballett sowie die Administration. Im historischen Gebäude finden weiter Oper- und Ballett-Vorstellungen statt. Deshalb verfügt das Theater gegenwärtig über ein Opern-Repertoire von über 20 Stück, darunter auch Opern für Kinder.

Im Laufe der hundertjährigen Geschichte erzog die slowakische nationale Szene viele gute Künstler und war ein Startpunkt für mehrere weltberühmte Stars wie Edita Gruberová, Lucia Popp und Peter Dvorský.

 

 

Was bringt die Jubiläumssaison 2019/2020

Das vielfältige Programm der vorstehenden Jubiläumssaison beginnt bereits Ende August. Die anstehende Saison eröffnet am 30. und 31. in der Oper ein Konzert aus Soundtracks zu James-Bond-Filmen.

 

Im 7. September öffnet das Nationaltheater seine Türen im neuen Gebäude und seinen Werkstätten. Geschaut kann sowie in den Vorjahren auch hinter die Kulissen und in die Werkstätten, wo alles Notwendige für die Vorstellungen vorbereitet wird. Interessant wird´s auch für Kinder.

 

Am 14. September beginnt die Jubiläumssaison mit einem feierlichen Eröffnungskonzert. Auf dem Programm steht ein einzigartiges Ballett-Divertissement, in dem Oper, Schauspiel und Ballett vereint werden und die wichtigsten Etappen aus der Theatergeschichte erinnert werden. Begrüßt werden Gäste aus Moskau, Petersburg, Prag, Paris und slowakische Tänzer, die im Ausland wirken.

 

Am gleichen Tag wie vor hundert Jahren, am 2. März 2020, anlässlich der feierlichen Eröffnung der slowakischen Nationalszene wird der tschechische Klassiker „Maryša“ vom Schauspiel-Ensemble des Tschechischen Nationaltheaters aufgeführt.

 

Zum Jubiläum bekommt die slowakische Nationalszene zahlreiche Premieren in der Oper, im Schauspiel sowie im Ballett und Wiederaufführungen von erfolgreichen Stücken, die dem Umbau zeitweilig aus dem Wege gehen mussten. Dazu kommen nationale und internationale Projekte. Ein besonderes Augenmerk kommt der Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Nationaltheater zu.

Wie ein roter Faden verbindet alle Aktivitäten der Jubiläumssaison das Thema Theater und die Botschaft über die Wichtigkeit der Kultur für die Gesellschaft. wird das Theater. Rund um das Leben im und mit dem Theater drehen sich die meisten Stücke der bunten Mischung aller Genres in der neuen Saison und ebenso die Diskussionsabende mit Theaterkünstlern.

 

Auf die Premiere einer neuen Einstudierung des Ballettklassikers Don Quijote können sich die Ballettfans am 22. und 23. November freuen. Am 20. Februar kommt in Premiere Dvořáks Rusalka, Verdis Aida erblickt in Premiere das neue Licht am 13. März. Die Jubiläumsaison verdient ein Ballett-Meisterwerk wie Prokofjews Aschenbrödel. Die Premiere ist für den 24. April angesagt. Zum Ende der Saison kommt eine Hochzeit, dieses Mal die Figaros Hochzeit in Premiere am 13. Juni.

 

Näheres zum Programm unter www.snd.sk

 

Foto: Ballett der ersten Stunde

Bild: SND